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Zwei Stimmungsarten in einer Orgel - Möglichkeiten der Realisierung
Restaurierungswerkstatt für Orgeln Kristian Wegscheider
Dresden, Dezember 1996



Anläßlich der Restaurierung der großen Silbermannorgel im Freiberger Dom wurde mir das Problem der Stimmungsarten und der großen Literaturauswahl sehr deutlich. Damals (1983) wußte ich keinen Ausweg. Man müßte zwei historische Stimmungsarten in einer Orgel haben, aber wie soll das gehen. In einer historischen Orgel geht es ja ohnehin nicht, aber in einer neuen Orgel? Durch ein Schallplattengescheck von Harald Vogel erfuhr ich von der Fisk-Orgel in Stanford-Universität, die zwei Stimmungsarten zum Umschalten hat, eine mitteltönige und eine wohltemperierte Stimmung. Realisiert wird dies mit fünf zusätzlichen Pfeifen pro Oktave. Mit einem Generalhebel wird die gesamte Tontraktur umgeschaltet, so daß nun fünf andere Tonventile pro Oktave den Wind zu den fünf Pfeifen der anderen Stimmungsart freigeben. Doppelt besetzt sind die Obertasten, also die Töne cis, es, fis, gis und b.
So begeistert ich von dieser Möglichkeit und Realisierung auch war, so hatte ich doch den Eindruck, daß die Idee nicht konsequent genung umgesetzt war.

Die doppelte Besetzung der Obertasten suggeriert dem Organisten, daß beim Umschalten der Stimmung aus dem Es vielleicht ein Dis wird, aus dem Gis ein As usw. Dem ist natürlich
nicht so. Aus dem Es (als reine Unterterz zu G) wird in der wohltemperierten Stimmung (die zweite Es-Peife) ein Mischton der sowohl als Es als auch als Dis zu gebrauchen ist. Der Ton ist aber auch in dieser wohltemperierten Stimmung immer noch deutlich mehr Es als Dis. Es ist keine gleichschwebende bzw. gleichstufige Temperatur. Durch die Verwendung von sieben gemeinsamen Tönen in den beiden Stimmungsarten sind also sechs Quinten in beiden Temperaturen gleich. In Standford die Quinten zwischen den Untertasten F-C-G-D-A-E und H. Auch wenn man für die Mitteltönigkeit die 1/5 pyth.Komma-Variante wählt (wie in Standford), so muß es in der wohltemperierten Stimmung noch 1 überschwebende Quinte geben (oder man läßt alle sechs Quinten etwas überschweben).
Meine Überlegung war nun, daß man mehr als fünf Pfeifen pro Oktave bauen müßte, mindestens sechs.

Besser wären natürlich sieben oder sogar acht Pfeifen. So wäre der Unterschied zwischen den zwei Stimmungsarten deutlicher. Doch dann ist man schnell bei einer zweiten Orgel. Bei den Stimmungsarten mitteltönig und gleichschwebend braucht man sogar 23 Tönen pro Oktave, das A könnte man natürlich lassen. Das ist interessant, aber wirtschaftlich nicht zu vertreten.
Als Liebhaber der Symmetrie habe ich mich für 18 Töne pro Oktave entschieden, 12 Töne pro Oktave gehört zu einer Orgel, 24 Töne sind zwei Orgeln, 18 liegt genau dazwischen. Damit läßt sich auch eine vernünftige wohltemperierte Stimmung, ohne überschwebende Quinte stimmen.
Auch auf der Windlade lassen sich die 18 Pfeifen pro Oktave viel
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